«Entscheidend ist, wie wir das Vertrauen der Gesellschaft in die Wissenschaft sichern»
Ein halbes Jahr ist Annette Oxenius nun Vizepr?sidentin für Forschung und voll in der hohen Entscheidungskadenz ihrer Rolle angekommen. Im Interview spricht sie über Chancen und Risiken der ETH-Forschung, die Initiative für eine 10?Millionen?Schweiz, neue ETH-Zentren, Tierversuche und Integrit?t.
Annette Oxenius, im vergangenen Sommer haben Sie das Vizepr?sidium für Forschung übernommen. Wie haben Sie sich eingelebt?
Annette Oxenius: Das Vizepr?sidium für Forschung ist für mich eine erfüllende Aufgabe, die ich mit viel Respekt angehe. Die gr?sste Umstellung war für mich die enorme Breite der Aufgaben bei gleichzeitig hohem Tempo der Entscheidungen. Inzwischen bin ich voll im neuen Rhythmus angekommen. Die Zusammenarbeit in der Schulleitung ist ausgesprochen bereichernd. Besonders anspornend ist mein Team: tief in den Themen und hoch engagiert für die ETH-Forschung. Auch erlebe ich jetzt noch breiter als in meinen früheren Aufgaben den ?ETH-Spirit?; damit meine ich die breite Unterstützung der Professorenschaft und ETH-Mitarbeitenden in fachlichen, strategischen und administrativen Herausforderungen. Dafür bin ich sehr dankbar und auch ein wenig stolz darauf, dass wir auf eine solche Kultur bauen k?nnen.
Die Weiterentwicklung der ETH-Forschung ist eine Kernaufgabe Ihres Vizepr?sidiums. Was sind da aktuell die Haupthemen?
Ein Schlüsselthema ist für mich, wie KI die Forschung ver?ndert. Mit dem ETH AI Center haben wir zum Glück eine starke Kraft, um diesen Wandel bewusst und aktiv zu gestalten. Ebenso entscheidend ist, wie wir das Vertrauen der Gesellschaft in die Wissenschaft sichern. Das wurde mir im Februar bei der Vorpremiere des Dokumentarfilms ?Blame? bewusst. Wir sind gefordert, unsere Forschung der Gesellschaft verst?ndlich zu erkl?ren und an L?sungen für unmittelbare Herausforderungen zu arbeiten. Dabei unterstützt uns auch die Albert Einstein School of Public Policy.
Der Schweizer Regisseur Christian Frei stellt in ?Blame? die wissenschaftliche Forschung der politischen und medialen Debatte gegenüber.
Der Film thematisiert ein hochrelevantes forschungspolitisches Dilemma. Am Beispiel der Corona-Pandemie zeigt er, wie sich wissenschaftliche Erkenntnisse und politische Interessen gegeneinander ausspielen lassen – und wie Desinformation zur vermeintlichen Wahrheit wird, die handfeste politische Folgen haben kann. Hier ist eine breite Initiative der gesamten Wissenschaftsgemeinschaft gefragt, damit Forschung als gesicherte Grundlage gesellschaftlicher Entscheidungen breit anerkannt bleibt.
?Die Internationalit?t ist kein ?Nice-to-have?, sondern die Voraussetzung für unsere Leistungs- und Innovationskraft.?Annette Oxenius
Apropos politische Folgen auf die Wissenschaften: Welche Auswirkungen h?tte die Volksinitiative ?Keine 10-Millionen-Schweiz!? für die Forschung an der ETH?
Die Abstimmung über die Nachhaltigkeitsinitiative trifft das Fundament unserer Hochschule. Die ETH ist – wie auch die EPFL – eine der internationalsten Universit?ten weltweit. Natürlich sind wir tief in der Schweiz verwurzelt, doch unsere Spitzenleistungen h?ngen davon ab, dass wir weltweit Forschende und Talente gewinnen: 65 Prozent unserer Professuren, 75 Prozent der Forschenden und sogar 90 Prozent der Postdoktorierenden stammen aus dem Ausland. Diese Internationalit?t ist kein ?Nice-to-have?, sondern die Voraussetzung für unsere Leistungs- und Innovationskraft. Ein Ja zur Initiative würde die ETH und den gesamten Forschungsstandort Schweiz empfindlich treffen und unsere Wettbewerbsf?higkeit auf allen Stufen einschr?nken.
Wie würde die Initiative die Rahmenbedingungen der ETH?Forschung, etwa den Zugang zu internationalen Programmen, beeinflussen?
Die Annahme der Nachhaltigkeitsinitiative wird unweigerlich die bilateralen Abkommen III infrage stellen. Damit geriete der für uns eminent wichtige Zugang zu den europ?ischen Forschungs- und Innovationsprogrammen ?Horizon Europe? erneut unter Druck.
Wie sch?tzen Sie die aktuelle Situation bei den ERC Grants ein, bei denen wir schon mehrfach ausgeschlossen waren?
Die Grants des Europ?ischen Forschungsrats (ERC) sind für die ETH-Forschenden von eminenter Bedeutung. Der ERC f?rdert europaweit gezielt Spitzenforschung und gew?hrt den Forschenden maximale wissenschaftliche Freiheit. Diese Forschung ist h?ufig die Grundlage für sp?tere Durchbrüche und zahlreiche Innovationen. Daher hoffe ich sehr, dass die politischen Entscheidungstr?ger:innen in Brüssel die geplante Budgeterh?hung für den ERC sicherstellen. Das ist für uns wichtig: Seit die Schweiz wieder am ERC teilnehmen kann, erzielen die ETH-Forschenden mit einer Erfolgsquote von rund 20 Prozent überdurchschnittlich gute Resultate – und sie sind beim ERC deutlich erfolgreicher als bei den vergleichbaren SNF-?bergangsmassnahmen w?hrend des Ausschlusses. Dieses hohe Niveau wollen wir halten.
Welche Erwartungen haben Sie bei den neuen ERC Plus Grants, die dieses Jahr zum ersten Mal vergeben werden und mit maximal 7 Millionen Euro dotiert sind?
Die ERC Plus Grants sind für unsere Forschenden eine grosse Chance. Ich w?re bereits sehr stolz, wenn wir ein oder zwei dieser hochkompetitiven F?rderungen einwerben. Europaweit werden j?hrlich nur rund 30 ERC Plus Grants vergeben – im Vergleich zu den j?hrlich rund tausend Starting, Consolidator und Advanced Grants. Das Renommee dieser Grants wird entsprechend sehr hoch sein. Ich bin sicher, dass wir das Potenzial dafür haben.
Wie stark trifft es die ETH Zürich, dass der Schweizer Nationalfonds (SNF) sparen muss?
Für die ETH sind Projekt- und Karrieref?rderungen zentral. Deshalb setzen wir uns dafür ein, dass der SNF bei diesen Kernaktivit?ten m?glichst nicht spart – und besonders die Postdoktorierenden weiterhin uneingeschr?nkt f?rdert. Der SNF befindet sich leider in einer paradoxen Lage: W?hrend die Zahl der Gesuche und die beantragten F?rderbeitr?ge seit 2021 massiv steigen, verfügt er zugleich über weniger Mittel. Wenn sich somit mehr Wissenschaftler:innen für weniger Beitr?ge bewerben, erhalten auch unsere Forschenden unweigerlich weniger. Wir beobachten diese Entwicklung mit grosser Sorge, da die Forschungsbeitr?ge des SNF für die Forschenden und insbesondere die Grundlagenforschung sehr wichtig sind.
Wie f?rdert die ETH den wissenschaftlichen Nachwuchs?
Neben den bew?hrten ETH Career Seed Awards und neueren Karriereformaten wie der ?Postdoc Career Week? oder der Veranstaltungsreihe ?Resilience in Research? setzen wir weiterhin auf Fellowships für Talente. Hier sparen wir nicht. Im Gegenteil: Sie werden jetzt umso wichtiger.
Ein gr?sseres Projekt betrifft die zukünftige Organisation der ETH-Zentren. Wo steht dieses Projekt heute?
Wir befinden uns mitten im Prozess, die künftigen ETH-weiten Zentren neu aufzustellen, wofür auch neue Richtlinien erarbeitet werden. Gemeinsam mit der Vizepr?sidentin für Wissenstransfer und Wirtschaftsbeziehungen, Effy Vayena, wollen wir die Organisationsstrukturen der ETH-Zentren harmonisieren und zu gr?sseren Zentren konsolidieren.
Was sind die Gründe dieser Neuorganisation?
Eines vorweg: Die ETH-Zentren werden auch in Zukunft eine wichtige Rolle neben den 皇冠体育,皇冠体育appn spielen, da interdisziplin?re Forschung an Bedeutung gewinnt. An der ETH bestehen heute jedoch zirka 25 ETH-weite Zentren und zentrums?hnliche Einheiten in unterschiedlichen Organisations- und Governancestrukturen. Wir vereinfachen diese nun, auch um die Sichtbarkeit der ETH in ihren strategischen Themenfeldern zu erh?hen. Bis zum Herbst will die Schulleitung entscheiden, welche ETH-Zentren in diesen strategischen Themenfeldern etabliert werden. Die heutigen Zentren sind informiert über dieses Vorhaben und wir stehen mit ihnen in stetigem Austausch. Parallel dazu l?uft bis Ende Mai die interne Vernehmlassung zu den neuen Richtlinien für ETH-Zentren.
Unter Ihrem Vorg?nger Christian Wolfrum wurden Ideen für ein Medizinzentrum entworfen. Wie ist der Stand bei diesem Projekt?
Das Vorhaben wird derzeit intensiv diskutiert. Meine Vision ist ein wissenschaftlich breit abgestütztes Zentrum, das neben Medizin auch die Life Sciences und die Gesundheitswissenschaften umfasst. Die endgültige Ausrichtung soll gemeinsam entstehen. Daher erarbeitet nun eine Arbeitsgruppe, in der die meisten 皇冠体育,皇冠体育app vertreten sind, einen schlüssigen Gesamtentwurf für dieses Zentrum.
2024 hat die Schulleitung bekr?ftigt, dass tierexperimentelle Forschung ein integraler Bestandteil der ETH-Forschungsstrategie ist und die Hochschule noch transparenter über deren Notwendigkeit informieren will. Wird diese Strategie angesichts der Volksinitiative ?Ja zur tierversuchsfreien Zukunft? angepasst?
Mit dem Beitritt zum Swiss Transparency Agreement on Animal Research (STAAR) hat sich die ETH verpflichtet, weiterhin offen zu kommunizieren, wie und wozu wir Tiermodelle einsetzen. Und wir kl?ren derzeit ab, wie wir noch breiter informieren und uns aktiver in ?ffentliche Diskussion einbringen k?nnen. Politik und Gesellschaft sollen verstehen, für welche Fragestellungen Tiermodelle unverzichtbar sind. Sie sollen auch verstehen, was unsere Forschenden tun, um Tierbelastung und Versuchszahlen zu reduzieren oder um Alternativen zu Tiermodellen zu entwickeln. Wir stehen klar zur Forschung und ihrer Verantwortung.
Die ETH-Integrit?tskommission wurde im Juni 2024 zusammen mit dem neuen internen Verfahren bei wissenschaftlichem Fehlverhalten eingeführt. Wie haben sich die Neuerungen bew?hrt?
Die Integrit?tskommission besteht grossmehrheitlich aus ETH-externen Mitgliedern. Das senkt das Risiko einer m?glichen Befangenheit deutlich. Die Kommission unter dem Vorsitz von Mark Schweizer leistet sehr gute Arbeit: Liegt ein Verdacht auf wissenschaftliches Fehlverhalten vor, kl?rt sie ab, ob ein solches tats?chlich besteht, erstellt einen Bericht und empfiehlt der Schulleitung geeignete Massnahmen. Das neue Verfahren hat zu strukturierteren Prozessen und zu kürzeren Bearbeitungszeiten geführt.
Unl?ngst hat die ETH Zürich die FAIR-Koalition lanciert. Was ist deren Ziel und wozu dient das neue FAIR Competence Funding?
Mit der FAIR-Koalition f?rdern wir ein Forschungsdatenmanagement, das Daten, Codes und Bilder auffindbar, zug?nglich, interoperabel und wiederverwendbar macht. Als ?ffentlich finanzierte Institution ist es unser Anspruch, dass solche Daten grunds?tzlich offen zug?nglich sind – ausser rechtliche oder ethische Gründe wie Sicherheitsbedenken oder der Schutz personenbezogener Daten sprechen dagegen. Die neue FAIR-Kompetenzf?rderung erm?glicht es Forschungsgruppen, zusammen mit Datenspezialist:innen systematisch ein Forschungsdatenmanagement aufzubauen. Damit st?rken wir Qualit?t, Transparenz und Reproduzierbarkeit der Forschung.
Weitere Informationen
- Interdisziplin?re Forschungsinitiativen
- ETH Zurich Grants Office
- ETH Zurich FAIR Coalition
- Tierversuche
- externe Seite Swiss Transparency Agreement on Animal Research (STAAR)
- Integrit?tskommission
- externe Seite Gr?ssere Nachfrage, weniger finanzielle Mittel: Die Projektf?rderung wird angepasst. (Schweizerischer Nationalfonds, 02.02.2026)
Immer aktuell informiert
M?chten Sie stets die wichtigsten internen Informationen und News der ETH Zürich erhalten? Dann abonnieren Sie den Newsletter ?Intern aktuell? und besuchen Sie regelm?ssig Staffnet, das Info-??Portal für ETH-??Mitarbeitende.