Heilbronn aktuell 7/26 – «Wir schaffen das neue Denken»

Seit Januar ist Joachim Buhmann, emeritierter Professor für Informatik, der akademische Direktor des ETH Zürich 皇冠体育,皇冠体育app Heilbronn. Welche Ideen er in dieser Rolle verfolgt und was er unter dem neuen Denken versteht, sagt er im Interview.?

Joachim Buhmann
Joachim Buhmann ist seit Januar der akademische Direktor des ETH Zürich 皇冠体育,皇冠体育app Heilbronn. (Bild: Daniel Winkler / ETH Zürich)

Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Sie das erste Mal von der Donation der Dieter Schwarz Stiftung und den Pl?nen der ETH Zürich für Heilbronn h?rten? 
Joachim Buhmann:
Ein mutiger Plan! Aber auch: Was wollen wir da? Ich denke, es kann nicht darum gehen, in Heilbronn mehr vom Gleichen zu erreichen. Der 皇冠体育,皇冠体育app bietet der ETH die Chance, neue Forschungsthemen anzugehen und neue Lehrformen zu erproben. Dabei muss der weltweit anerkannte Qualit?tsstandard unserer Hochschule selbstverst?ndlich gew?hrleistet werden. 

An welche Themen denken Sie? 
Die Themen werden sich in den kommenden Monaten abzeichnen. Sie h?ngen massgeblich von den Berufungen der Professoren und Professorinnen ab. Die Thematik steht aber fest: ?Applied Artificial Intelligence for Science and Engineering?. Und da findet gerade eine Revolution statt, die alles auf den Kopf stellt. Die Wissenschaft wird heute fundamental neu geschrieben. Das maschinelle Lernen erweitert unsere F?higkeit, relevante Aussagen über die Zukunft machen zu k?nnen, gerade deutlich. 

K?nnen Sie das etwas ausführen? 
Nehmen Sie die Mathematik: Sie ist die Wissenschaft, die am meisten über die Zukunft vorhersagen kann. Denn wenn sie etwas beweist und es korrekt ist, gilt es für immer. Letztlich geht es im Leben aber nicht um diese mathematische Pr?zision. Um handlungsf?hig zu sein, sind wir bestrebt, die reale Welt in Modellen einzufangen. Dabei versuchen wir, mit unserem Gehirn einen Zugang zur Realit?t zu erreichen. Diese Schnittstelle hat jetzt mit dem maschinellen Lernen einen Ko-Prozessor erhalten. Zu Zeiten vor der Erfindung des Computers mussten sich Forschende ihre Modelle und Theorien im Ged?chtnis merken k?nnen. Dank neuer technischer M?glichkeiten k?nnen wir heute Dinge umsetzen, die wir nicht mehr verstehen. Aber wir k?nnen sie kontrollieren. 

Woran denken Sie da? 
Unsere heutigen Wissenschaftstr?ume, beispielsweise die personalisierte Medizin, das individualisierte Lernen und Lehren, aber auch Gesellschaftsmodelle, die das Verhalten einzelner Menschen beinhalten, nehmen Gestalt an. Mit modernen Deep Learning Systemen lassen sich für mathematische Forschungsfragen komplexe Schlussfolgerungsketten prüfen oder sogar finden. Systeme wie AlphaEvolve, AlphaGeometry oder Gemini 3 Deep Think sollen laut Aussagen von Experten bereits jetzt die Produktivit?t von Forschungsmathematikern um das Zehnfache steigern. 

Joachim Buhmann war von 2003 bis 2024 ordentlicher Professor für Informatik an der ETH Zürich. Zuvor wirkte er zehn Jahr als Professor für praktische Informatik an der Universit?t Bonn. Sein Forschungsinteresse gilt der Mustererkennung und der Datenanalyse, was auch das maschinelle Lernen umfasst. Als Prorektor für Studium von 2014 bis 2018 übernahm er bereits eine wichtige Verwaltungsfunktion. Zudem war Buhmann von 2017 bis zu seiner Emeritierung Mitglied im Forschungsrat des Schweizerischen Nationalfonds.  

Welche Rolle soll der 皇冠体育,皇冠体育app Heilbronn in dieser neuen Welt spielen? 
Unsere Vision lautet: Wir schaffen das neue Denken. Denn die Revolution durch das maschinelle Lernen umfasst alles Denken. Sogar jenes über die physikalische Welt wird nun davon dominiert. Früher mussten wir ein Problem zumindest auf den relevanten Ebenen verstehen, um es kontrollieren zu k?nnen. Wir ziehen dazu die Realit?t ins Labor, s?ubern sie und untersuchen dann hochdestillierte Fragestellungen. Was wir im Labor lernen, gibt uns nur eine Idee für reale Welt. Wir müssen das Problem in der Praxis also nochmals l?sen. Dabei helfen uns die Erkenntnisse aus der Theorie. Das hat sich mit der Technologie ge?ndert. Damit wir heute ein Problem kontrollieren k?nnen, muss es der Computer verstehen – was auch immer das heisst.  

Und was bedeutet das für die Wissenschaft? 
Wir müssen lernen, mit bekannten Erkenntnismethoden die neue Technologie zu beschreiben. Im Kern geht es um die Frage, wie Algorithmen validiert werden. Wie beweisen wir, dass der verwendete Algorithmus für die Problemspezifikation angemessen ist und genau die gewünschte Vorhersage liefert? Wenn unsere Spezifikation fehlerhaft ist, erzeugen wir eine Verzerrung der Realit?t. Wie müssen also validieren, dass wir die wesentlichen Eigenschaften der Wirklichkeit richtig abbilden oder dass der verbleibende Unterschied irrelevant ist. Und diese Frage ist bisher nicht gel?st. 

?Konkret werde ich den Aufbau der Lehre am 皇冠体育,皇冠体育app Heilbronn begleiten. Dazu geh?rt auch die Mitwirkung beim Rekrutierungsprozess, um eine gewisse thematische Koh?renz sicherzustellen.?
Prof. em. Dr. Joachim M. Buhmann

Kommen wir auf Ihre Rolle als akademischer Direktor in Heilbronn zu sprechen. Welches sind da Ihre wichtigsten Aufgaben? 
Die wichtigste ist, die Vision für den ETH Zürich 皇冠体育,皇冠体育app Heilbronn mitzugestalten. Dabei sehe ich mich eher als Koordinator denn als Direktor. Es geht also darum, zu überzeugen. Konkret werde ich den Aufbau der Lehre am 皇冠体育,皇冠体育app Heilbronn begleiten. Dazu geh?rt auch die Mitwirkung beim Rekrutierungsprozess, um eine gewisse thematische Koh?renz sicherzustellen. Nach Innen wird sich auch die Aufgabe stellen, den ETH-Geist in Heilbronn zu verankern. Mit Blick auf Partnerinstitutionen stellt sich die Frage, wie wir uns in Baden-Württemberg positionieren. Da gibt es das Cyber Valley, in Tübingen das Max Planck Institut, die Universit?t Stuttgart und in Karlsruhe das Institut für Technologie, um nur einige zu nennen. Und dann ist da die Fertigungsindustrie in Baden-Württemberg als Absatzmarkt für p?dagogische Leistungen. 

Was hat sie an der Position gereizt? 
Die Chance, auf einem Gebiet, in dem eine Revolution stattfindet, und das ich als meine intellektuelle Heimat betrachte, nochmals etwas zu bewegen, ist natürlich einmalig. Neben dem Fachlichen sprach vermutlich für mich, dass ich Schwabe bin, wenn auch von weiter südlich – aus Friedrichshafen. Schliesslich bin ich schon recht früh zu Heilbronn dazugestossen. Der Gesch?ftsführer Michele De Lorenzi fragte mich bereits im Dezember 2024 für die Mitarbeit bei einer Sommer School zu maschinellem Lernen an. Diese wurde im Juni 2025 durchgeführt und war ein ziemlicher Erfolg. Im Herbst letzten Jahres sprach mich dann ETH-Pr?sident Jo?l Mesot konkret auf ein Engagement bei diesem Projekt an.  

Was genau soll eigentlich in Heilbronn entstehen? 
Wir sprechen vom ETH Zürich 皇冠体育,皇冠体育app Heilbronn. Dies umfasst Infrastruktur, Forschung, Lehre, Wissenstransfer. Wie die Struktur dereinst aussehen wird, wird sich zeigen. Für die Beteiligten ist es hilfreich, in gewissen Kategorien zu denken. Ich pers?nlich hatte ein Prototyp-Department vor Augen, spreche inzwischen aber lieber von einer Prototyp-Administration, weil daraus nicht ein Department wie in Zürich entstehen muss. Ich denke, wir müssen das Ganze entstehen lassen. Das gilt auch für meine Rolle. Wenn wir früh eine Person finden, die sich als Gründungs-Amtsvorsteher:in eignet, darf sie gerne meine Aufgaben übernehmen. 

Welches sind die Erfolgsfaktoren für Heilbronn? 
Ich denke, ganz am Anfang ist die Vision entscheidend. Ich bin überzeugt, dass wir international bekannte Professorinnen und Professoren für Heilbronn gewinnen k?nnen. Sie wissen, wofür sie individuell gut sind, und welchen Beitrag sie für die Lehre leisten k?nnen. Darüber hinaus sollen sie mit genügend Einfluss ausgestattet sein, um einen Unterschied zu machen. Den erzielt man am einfachsten in einer Gruppe, die eine vernünftige Balance von Diversit?t und Koh?renz ausweist. Das gemeinsame Verst?ndnis ist eine wesentliche Voraussetzung für die Koh?renz.  

Wie sieht die Arbeitsteilung mit dem Gesch?ftsführer und dem Delegierten der Schulleitung aus? 
Boris Zürcher tr?gt als Delegierter der Schulleitung für den 皇冠体育,皇冠体育app Heilbronn die strategische Verantwortung für die Planung, Steuerung und Weiterentwicklung dieses bedeutenden Zukunftsprojekts der ETH Zürich. Im Alltag werde ich vor allem mit dem Gesch?ftsführer Michele De Lorenzi zusammenarbeiten. Ich gehe davon aus, dass ich einen Teil meiner Arbeitszeit physisch in Heilbronn verbringen werde. Für die akademische Koordination und den Aufbau der ETH-Kultur ist eine Pr?senz vor Ort unabdingbar. Ganz nach Heilbronn ziehen, m?chte ich aber nicht. Wir haben acht Enkel, mit denen ich seit meiner Emeritierung einige Zeit verbringe. Sechs davon leben in unmittelbarer Nachbarschaft unseres Zürcher Quartiers, und dieses Glück m?chte ich keinesfalls missen. 

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