Ist das Knochenimplantat der Zukunft ein Hydrogel?
Aus einem puddingweichen Material wollen Forschende der ETH Zürich Implantate für beinharte Knochen herstellen. Wie soll das gehen?
In Kürze
- ETH-Forschende haben ein neuartiges Hydrogel entwickelt, das überwiegend aus Wasser und einem Polymernetzwerk besteht.
- Mit Laserlicht k?nnen die Forschenden das Hydrogel sehr schnell zu einem Material mit mikroskopisch feinsten Strukturen verfestigen, damit knochenbildende Zellen es gut besiedeln k?nnen.
- Das so bearbeitete und strukturierte Material k?nnte in Zukunft als Knochenimplantat genutzt werden, um die Heilung von Knochenbrüchen zu verbessern.
Brechen Knochen bei einem (Ski-)Unfall, wachsen sie meist von selbst zusammen – es sei denn, der Schaden am Knochen ist zu gross. Dann oder auch nach der Entfernung eines Knochentumors bauen Chirurg:innen ein Implantat ein, das das Zusammenwachsen des Knochens erm?glicht.
Als Implantate dienen oft k?rpereigene Knochenstücke, sogenannte Autografts, Metall- oder Keramikteile. Die meisten heutigen Implantate haben jedoch einen Nachteil: Autografts müssen dem Patienten an einer zweiten Operationsstelle entnommen werden. Metallimplantate sind oft zu starr; sie k?nnen sich deswegen mit der Zeit lockern und ihre Stabilit?t verlieren.
Biologie berücksichtigen
Und fast noch wichtiger: Knochen ist ein sehr komplexes Organ mit unz?hligen Tunnels und Hohlr?umen. ?Damit ein Knochen gut heilt, müssen wir unbedingt die Biologie in die Reparatur einbeziehen?, sagt Xiao-Hua Qin, Professor für Biomaterials Engineering der ETH Zürich. Und für diese Reparatur braucht es verschiedene Zelltypen, die zuerst das Implantat besiedeln müssen und dann neue Knochensubstanz bilden.
Der ETH-Forscher hat deshalb einen neuen Ansatz gew?hlt: Als Material für ein künftiges Implantat entwickelte Qin zusammen mit seiner Gruppe und ETH-Professor Ralph Müller ein neuartiges Hydrogel, das weich wie Pudding ist und sich mit der Zeit im K?rper aufl?st. Dieses Material k?nnte dereinst für massgeschneiderte Knochenimplantate verwendet werden. Die entsprechende Studie ist soeben in der Fachzeitschrift externe Seite Advanced Materials erschienen.
Heilung beginnt mit weichem Material
?Zu Beginn der natürlichen Knochenheilung setzt der K?rper immer ein weiches Material ein?, erkl?rt der Forscher. In den ersten Tagen nach einem Bruch bildet sich ein H?matom, eine Schwellung. Es ist durchl?ssig und f?rdert die Einwanderung von Zellen, die für die Reparatur des Bruchs zust?ndig sind, von Immunzellen und N?hrstoffen. Ein Netz aus Fibrin h?lt die Zellen zusammen. Im Laufe der Zeit entsteht daraus ein harter und steifer Knochen.
Das Hydrogel ist dieser natürlichen Knochenheilung nachempfunden. Es besteht zu 97 Prozent aus Wasser und zu 3 Prozent aus einem biologisch vertr?glichen Polymer. Damit es sich verfestigen kann, fügten die Forschenden zwei spezielle Moleküle zu: ein Verbindungsmolekül, das die Polymerketten miteinander verknüpft, und ein auf Licht reagierendes Molekül, das die Reaktion in Gang setzt.
Qins und Müllers ehemalige Doktorandin Wanwan Qiu hat das Verbindungsmolkül eigens für diese Anwendung entwickelt. ?Es erm?glicht eine schnelle Strukturierung im Submikrometerbereich von Hydrogelen?, sagt sie. Zur Verknüpfung der Polymerketten kommt es, sobald Laserpulse von bestimmter Wellenl?nge auf das Hydrogel auftreffen. Die bestrahlten Bereiche werden dabei sofort fest, w?hrend die nicht bestrahlten Teile sp?ter ausgewaschen werden k?nnen.
Pudding in Weltrekordzeit strukturierbar
Auf diese Weise k?nnen die Forschenden mit dem Laserstrahl beliebige Formen und Strukturen ins Hydrogel drucken, und zwar in sehr feiner Aufl?sung und ?usserst pr?zise. Die Strukturen k?nnen nur gerade 500 Nanometer gross sein.
?Da Hydrogele wie Wackelpuddings sind, lassen sie sich kaum vernünftig formen?, sagt ETH-Professor Qin. ?Dank des neu entwickelten Verbindungsmoleküls k?nnen wir nun aber das Hydrogel nicht nur stabil und ?usserst fein strukturieren, sondern auch mit einer hohen Schreibgeschwindigkeit von bis zu 400 Millimeter pro Sekunde herstellen. Das ist ein neuer Weltrekord.?
Strukturen im Nanometerbereich
In ihrer Studie stellten die Forschende unter anderem komplex strukturierte Hydrogels her, die wie echter Knochen aussehen und ein feines Netz von Knochenb?lkchen aufweisen. Als Vorlage dienten den Forschenden Bilder aus der medizinischen Bildgebung.
Auch ein gesunder natürlicher Knochen ist von einem feinen Netzwerk aus nur nanometerdünnen und mit Flüssigkeit gefüllten Kan?len durchzogen. ?In einem Knochenstück von der Gr?sse eines Spielwürfels sind 74 Kilometer Tunnels?, sagt Qin. Zum Vergleich: Der l?ngste Bahntunnel der Welt, der Gotthard Basistunnel, misst 54 Kilometer.
Material ist biokompatibel
Bisher haben die Forschenden das Material erst im Reagenzglas getestet. Dabei zeigte sich, dass knochenbildende Zellen das strukturierte Hydrogel rasch besiedeln und beginnen, Kollagen zu bilden, ein wichtiger Bestandteil des Knochens. Die Tests zeigten weiter, dass das Material biokompatibel ist und die knochenbildenden Zellen nicht sch?digt. Die Forschenden haben das Basismaterial patentieren lassen und m?chten es der medizinischen Industrie zug?nglich machen.
Das erkl?rte Ziel des Forschers ist, dass das Implantat auf Hydrogelbasis eines Tages bei der Reparatur von gebrochenen Knochen in der Klinik eingesetzt wird. Der Weg dahin ist allerdings noch weit. Als N?chstes plant Qin in Zusammenarbeit mit dem AO Forschungsinstitut Davos Tests in Tieren. Damit wollen die Forschenden herausfinden, ob ihr neues Knochenreparaturmaterial auch im K?rper das Einwandern von knochenbildenden Zellen f?rdert und ob es mit der Zeit die St?rke des Knochens wiederherstellt.
Literaturhinweis
Qiu W, Bernero M, Ye ME, Yang X, Fisch P, Müller R, Qin XH: A Water-Soluble PVA Macrothiol Enables Two-Photon Microfabrication of Cell-Interactive Hydrogel Structures at 400 mm s?1. Advanced Materials 2026: e10834. DOI: externe Seite 10.1002/adma.202510834