Gefährdete Naturstoff-Apotheke im Korallenriff

Forschende der ETH Zürich haben in Korallen hunderte Arten von Mikroben identifiziert. Diese produzieren eine Vielfalt an Substanzen mit ungeahntem Potenzial für Medizin und Biotechnologie. Das macht das ?kosystem von Riffen noch wertvoller.?

Ein Taucher hält ein Schlauch für die Probensammlung an eine Koralle
Taucher der Tara Pacific-Expedition sammeln Proben von Steinkorallen.  (Bild: Pete West – Fondation Tara Ocean)

In Kürze 

  • Riffbildende Stein- und Feuerkorallen verfügen über ein reichhaltiges Mikrobiom mit gr?sstenteils unbekannten Arten. Einen Teil davon haben ETH-Forschende jetzt anhand des Erbguts charakterisiert. 
  • Die Mikroorganismen k?nnen Naturstoffe produzieren, die für Therapien und chemische Reaktionen genutzt werden k?nnten.  
  • In Riffen leben m?glicherweise tausende weitere nützliche Mikroben, die gemeinsam mit ihren Wirten, den Korallen, vom Aussterben bedroht sind. 

In Korallenriffen wimmelt es nur so von Leben: Sie beherbergen über einen Drittel aller marinen Tier- und Pflanzenarten, obwohl sie nur weniger als ein Prozent des Meeresbodens bedecken. Doch diese immense Vielfalt ist durch die Erw?rmung der Weltmeere bedroht. Seit den 1950er Jahren ist schon die H?lfte des Korallenbestandes verschwunden. 

Aber nicht nur die für das Auge sichtbaren Lebewesen sind gef?hrdet, sondern auch unz?hlige im Riff angesiedelte Mikroorganismen. Sie leben oft mit Korallen, Schw?mmen und anderen Riffbewohnern in einer Symbiose, von der beide Partner profitieren. Zur Verteidigung gegen Krankheitserreger, Fressfeinde und Konkurrenten produzieren sie ein riesiges Arsenal an Naturstoffen, das für die Menschheit von grossem Nutzen sein k?nnte.  

Wie immens der Verlust dieser Natur-Apotheke w?re, belegt nun eine im externe Seite Fachjournal Nature ver?ffentliche Studie der ETH-Forschungsgruppen von Shinichi Sunagawa und J?rn Piel, in Zusammenarbeit mit Lucas Paoli von der EPFL und dem Tara Pacific Konsortium. Das Team identifizierte neue Arten von Mikroorganismen in Korallen und wies deren F?higkeit für die Produktion von neuartigen Substanzen nach. 

Proben enthalten eine Vielfalt an Mikroben 

Hierfür untersuchten die Forschenden rund 800 Proben von Korallen, die vor zehn Jahren w?hrend einer Expedition des Forschungsschiffs Tara quer durch den Pazifik gesammelt wurden. Die meisten stammten von riffbildenden Feuer- oder Steinkorallen.  

Das Team sequenzierte zun?chst die Schnipsel von mikrobieller DNA, die in den Proben enthalten waren. Daraus setzten sie mithilfe von Hochleistungscomputern der ETH Zürich dann das Erbgut von 645 verschiedenen Arten von Bakterien und Archaebakterien zusammen. ?Für über 99 Prozent dieser Arten waren zuvor keine genomischen Informationen vorhanden, sie waren der Wissenschaft also nicht bekannt?, sagt Sunagawa.  

Unterwassenbild einer Koralle mit vielen farbigen Fischen
Riffbildende Steinkorallen (in der Bildmitte) beherbergen eine grosse Zahl von Mikroorganismen, die interessante Naturstoffe produzieren.  (Bild: Adobe Stock / mychadre77)

Jede Koralle hat eigenes Mikrobiom 

Ein Vergleich mit Wasserproben aus dem offenen Meer zeigte zudem, dass diese Mikroorganismen nicht überall im Pazifik vorkommen, sondern nur im Riff zuhause sind. Und sie sind meist auf eine ganz bestimmte Art von Koralle spezialisiert, denn es fanden sich kaum ?berschneidungen zwischen den unterschiedlichen Korallengattungen. Laut Sunagawa leben die Mikroorganismen oft auf der Oberfl?che und in der Magenh?hle der Korallen. Gemeinsam mit dem Wirt bilden sie ein komplexes ?kologisches System, ?hnlich wie beim Haut- und Darmmikrobiom des Menschen.  

Erbgut enth?lt Anweisungen für Naturstoff-Produktion 

Doch die Forschenden begnügten sich nicht mit der Beschreibung neuer Arten. Sie wollten auch untersuchen, welche interessanten biochemischen Substanzen die Mikroben m?glicherweise produzieren. Hierzu nahmen sie deren Erbgut genauer unter die Lupe und suchten dort nach Baupl?nen für die Herstellung von Naturstoffen. Dabei stiessen sie auf einen bislang unentdeckten Schatz. 

?Wir haben im Erbgut der im Riff angesiedelten Mikroorganismen mehr Potenzial für die Produktion von Naturstoffen gefunden als bisher im gesamten offenen Ozean?, so Sunagawa. Ein Grund dafür ist m?glicherweise die hohe Dichte an Lebewesen im Korallenriff: Wer an einem solchen Ort über eine vielseitige Palette an Abwehrstoffen verfügt, ist klar im Vorteil. 

Erst ein Bruchteil entdeckt  

Die Resultate sind für Sunagawa aber nur der Anfang: ?In der aktuellen Studie haben wir Korallen aus drei verschiedenen Gattungen untersucht. Insgesamt sind aber mehrere hundert Gattungen mit mehreren tausend Arten bekannt.? Auch die Mikrobiome weiterer artenreicher Meeresorganismen wie Schw?mme, Weichtiere und Algen seien bislang nicht ausreichend erforscht. 

Das Ausmass dieser Wissenslücken, und die damit verbundenen Implikationen, finden die Forschenden besorgniserregend. Denn wenn die Biodiversit?t in Korallenriffen weiter abnimmt, bedeutet dies auch den unwiederbringlichen Verlust von tausenden zum allergr?ssten Teil unbekannten Arten von Mikroorganismen. 

?Die molekulare Erforschung von Korallenriffen birgt enorme M?glichkeiten für biotechnologische oder medizinische Anwendungen?, so Piel. ?Wir stehen unter Zeitdruck, dieses Potenzial zu erschliessen und zu behüten?, appelliert Sunagawa. Der Schutz der Korallenriffe müsse deshalb unbedingt auch das Mikrobiom mit einbeziehen. 

Literaturhinweis 

Wiederkehr F, Paoli L, Richter D, et al.: Coral microbiomes as reservoirs of unknown genomic and biosynthetic diversity, Nature, 25. Februar 2026, DOI: externe Seite 10.1038/s41586-026-10159-6   

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