Hans Gersbach, warum ist die Schweiz beim Handel mit den USA so verwundbar und was kann sie dagegen tun?
Die USA?haben der?Schweiz?2025?einseitig Z?lle auferlegt, unter?denen?die hiesige Wirtschaft?leidet.?Warum?Washington?in der Handelspolitik?am l?ngeren Hebel sitzt und was Bern?2026?dagegen tun kann, erkl?rt Hans Gersbach.?
Die Schweiz ist ein kleines, stark vernetztes Land. Wir beziehen auf der einen Seite zentrale Güter und Dienstleistungen aus dem Ausland – zum Beispiel Nahrungsmittel, Energie, Wirkstoffe für die Pharmaindustrie oder Computerchips. Auf der anderen Seite erwirtschaften wir einen grossen Teil unseres Wohlstands mit Exporten wie Pr?zisionsinstrumenten, Maschinen, Uhren, Medikamenten und Finanzdienstleistungen.
Mit dem internationalen Handel von Gütern und Dienstleistungen erzeugt die Schweiz in vielen L?ndern Wohlstand – so auch in den USA. Dieser spiegelt sich etwa in h?heren Einkommen wider. Ohne den Handel mit der Schweiz w?ren viele L?nder in Europa, Amerika und Asien etwas ?rmer.
Der Experte
Hans Gersbach ist ein Schweizer ?konom. Er ist Co-Direktor des KOF Instituts und hat die Professur für Macroeconomics: Innovation and Policy an der ETH Zürich inne. Er ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie der Bundesrepublik Deutschland.
Doch obwohl auch die USA vom Handel mit der Schweiz profitieren, bleibt die Schweiz bei einem Handelskonflikt mit Washington, wie wir ihn 2025 erlebt haben, verwundbar. Mehrere Gründe sind dafür verantwortlich: Erstens ist für die grossen USA der Aussenhandel im Verh?ltnis zur Gesamtwirtschaft weniger bedeutend als für die Schweiz. Heisst: Sie sind weniger davon abh?ngig, dass ihr Export gut l?uft.
Dazu kommt: Rund 18 Prozent unserer Warenausfuhren gingen im Jahr 2024 noch in die USA. Das entspricht in den USA aber lediglich rund zwei Prozent der gesamten Warenimporte. Für Washington ist die Schweiz also ein sehr kleiner Partner – für uns ist die USA ein zentraler Markt. Schliesslich profitiert die Schweiz vom Handel mit den USA mehr, als sie in den USA zum Wohlstand beitr?gt.
Dieses dreifache Ungleichgewicht macht die Schweiz anf?llig: Jede St?rung im Handel trifft uns viel h?rter als die USA. Wenn die Z?lle steigen, haben wir viel mehr zu verlieren – sowohl absolut als auch, noch viel ausgepr?gter, im Verh?ltnis zu unserem Volkseinkommen. Diese Tatsache macht sich auch deutlich in politischen Verhandlungen bemerkbar: Ein Zolldeal setzt Zugest?ndnisse der Schweiz voraus.
Verst?rkt wird die Schweizer Verwundbarkeit dadurch, dass die US-Regierung strategisch ausschliesslich auf den Warenhandel fokussiert und Dienstleistungen und Direktinvestitionen ausblendet. Zwar hat die Schweiz einen Handelsbilanzüberschuss im Warenhandel mit den USA. Bei Dienstleistungen wie Software oder Cloud-Services ist es jedoch umgekehrt.
Mit ihrer Verwundbarkeit steht die Schweiz jedoch nicht allein da. Andere exportstarke L?nder wie Japan oder Südkorea haben ?hnliche Probleme. Auch sie mussten weitreichende Zugest?ndnisse machen und zus?tzliche Investitionen in den USA versprechen.
Doch was kann die kleine Schweiz 2026 tun, um in der Handelspolitik resilienter zu werden? Ich sehe sechs Stossrichtungen aus volkswirtschaftlicher Sicht: Zun?chst brauchen wir ein klareres Bild unserer wirtschaftlichen Abh?ngigkeiten – von Handelsstr?men bis zu Technologie und Verflechtungen über die internationalen Finanzm?rkte. Nicht nur gegenüber den USA, sondern auch gegenüber China.
Transparenz ist die Grundlage jeder klugen Strategie. Das KOF Institut kann hier wichtige Grundlagen für die Politik und Entscheidungstr?ger in der Wirtschaft liefern.
Zweitens bleibt die Stabilisierung der Wirtschafts- und Handelsbeziehung mit den USA zentral für unseren Wohlstand. Der angestrebte Deal mit einem Zollsatz von 15 anstatt 39 Prozent für die betroffenen Branchen ist aus volkswirtschaftlicher Sicht der beste Weg, um den wirtschaftlichen Schaden deutlich zu verkleinern, auch wenn klare Risiken und Belastungen bleiben. Denn diese Risiken und Belastungen sind auch bei anderen Handlungsoptionen vorhanden.
Drittens k?nnte eine Erneuerung des Freihandelsabkommen mit China inklusive Zugang zu kritischen Gütern helfen, die Lieferketten zu einem wichtigen Handelspartner zu stabilisieren. Aber auch die EU bleibt für die Schweiz wirtschaftlich zentral. Ungeachtet der institutionellen Fragen ist aus ?konomischer Sicht klar: Der Binnenmarkt der EU muss für die Schweiz zug?nglich bleiben, sonst entstehen neue Verwundbarkeiten.
Darüber hinaus sollte die Schweiz ihre Handelsbeziehungen breiter aufstellen, sowohl im Import als auch im Export, um fragile Abh?ngigkeiten zu reduzieren. Entscheidend dabei ist, den Handel mit L?ndern zu st?rken, die trotz hoher Wirtschaftskraft ebenfalls verwundbar sind. Sie besitzen weniger Drohpotenzial und sind stabile Partner für eine offene Volkswirtschaft wie die Schweiz. Indien und Kanada sind gute Beispiele, ebenso wie viele Staaten in Lateinamerika und Asien.
Fünftens sollte die Schweiz verst?rkt Handelsabkommen zwischen einer begrenzten Anzahl an interessierten Staaten vorantreiben, denn der klassische Multilateralismus der Welthandelsorganisation (WTO) ist auf Grund divergierender Pr?ferenzen weitgehend blockiert. Das Abkommen der Schweiz mit den südamerikanischen Mercosur-Staaten ist dafür ein gutes Beispiel.
Und sechstens sollte sich die Schweiz noch st?rker als Technologiehub positionieren. In einigen Regionen, wie der Greater Zurich Area, passiert das schon. So kann etwa die Spitzenforschung und der Wissenstransfer im Bereich Künstliche Intelligenz und Robotik mittelfristig zu einem Produktivit?tsschub für die ganze Schweizer Wirtschaft führen und uns weniger verletzlich gegenüber Drohungen und Lieferkettenrisiken machen. Dafür ist das flexible Innovationssystem der Schweiz mit einer starken Grundlagenforschung unerl?sslich.