Ein kolumbianisches Forschungsdorf gegen das Vergessen

Das ETH-Spin-off Herencia will Alzheimerforschung und -therapie revolutionieren. Dazu plant es gemeinsam mit einem internationalen Team von Wissenschaftler:innen ein Dorf in Kolumbien, in dem Forschung, medizinische Versorgung und soziale Programme für betroffene Familien zusammenkommen. Das Projekt k?nnte zur globalen Blaupause für den Umgang mit Alzheimer werden.

Rafael Polanía und Caroline Lustenberger vor einer Treppe
Rafael Polanía und Caroline Lustenberger m?chten ein ganzes Netzwerk rund um die Alzheimer-Erkrankung aufbauen.  (Bild: Daniel Winkler / ETH Zürich)

In Kürze

  • Das neue ETH-Spin-off Herencia entwickelt eine Früherkennungs-Diagnostik für die Alzheimer-Demenz, die auf Messungen der Pupillenbewegungen basiert.
  • Zudem baut das Spin-off in Zusammenarbeit mit Forschenden aus Kolumbien in der N?he von Medellín ein Dorf auf, wo Forschung, Diagnostik, Therapie und Pflege in Zusammenhang mit Alzheimer ganzheitlich angegangen werden.
  • Die Forschenden arbeiten dabei mit einer gut untersuchten Kohorte von Menschen aus einer kolumbianischen Gemeinde, die aufgrund einer genetischen Pr?disposition besonders stark von Alzheimer betroffen sind.

Irgendwo im kolumbianischen Hügelland k?nnte eine m?chtige Waffe gegen die Krankheit Alzheimer liegen. Dessen war sich der 2024 verstorbene Neurowissenschaftler Francisco Lopera sicher. Der Forscher arbeitete 40 Jahre lang mit den Bewohner:innen eines Dorfes nahe der Millionenstadt Medellín. Dort leben mehrere tausend Menschen mit einer genetischen Mutation, aufgrund derer sie bereits im frühen Alter, meist zwischen 45 und 50 Jahren, an Alzheimer erkranken. Die Krankheit folgt danach dem bekannten Muster: Ged?chtnisverlust, Orientierungsprobleme sowie Ver?nderungen im Denken und Verhalten.

Für die Forschung ist die Gemeinde mit der genetischen Alzheimer-Pr?disposition ?usserst wertvoll. Denn sie bietet die seltene Gelegenheit, die Entwicklung der Krankheit und potenzielle Therapien zu studieren, lange bevor erste Symptome auftreten.

Was Alzheimer mit dem Schlaf zu tun hat

Die Neurowissenschaftlerin Caroline Lustenberger las 2019 in einem Artikel des Fachmagazins Nature erstmals von Loperas Kohorte. Die Gruppenleiterin an der ETH-Professur für Neuronale Bewegungskontrolle ist vor allem für ihre Forschung zu Schlaf bekannt. Seit 2019 betreut sie das Schlaflabor am Departement Gesundheitswissenschaften und Technologie (D-HEST) der ETH Zürich. Dass sie sich vor einigen Jahren für Alzheimer zu interessieren begann, war kein Zufall: ?Bei Alzheimer sind zun?chst tief gelegene Hirnregionen betroffen, die eine Schlüsselrolle für Schlaf, Erregungszustand und die Regulation des Stoffwechsels spielen?, sagt die Forscherin.

Gemeinsam mit dem Neurowissenschaftler Rafael Polanía hat Lustenberger eine Methode entwickelt, um das Risiko für Alzheimer zehn bis 20 Jahre vor dem Auftreten der ersten Symptome abzukl?ren. Polanía arbeitete von 2018 bis 2024 als Professor für Entscheidungs-Neurowissenschaft an der ETH Zürich. Danach gründete er gemeinsam mit Caroline Lustenberger das ETH-Spin-off ?externe Seite Herencia Solutions AG?, dem er sich nun vollst?ndig widmet.

Alzheimer-Erkennung mit dem Smartphone

?Für die Alzheimer-Diagnose zeichnen wir die Bewegungen der Pupillen unter spezifischen Bedingungen auf, denn sie sind unser Fenster zum Gehirn?, erkl?rt Lustenberger. Aktuell sind dafür noch ein Laptop und ein Eyetracking-Ger?t n?tig. In Zukunft k?nnte das Augen-Tracking aber auch über ein Smartphone erfolgen. Damit würde die Alzheimer-Früherkennung popul?rer und von zu Hause aus m?glich – und w?re zugleich auch in L?ndern mit niedrigem Einkommen verfügbar. Also genau dort, wo Fachleute in Zukunft den gr?ssten Anstieg an Alzheimererkrankungen erwarten. ?Unsere Methode wurde zum Patent angemeldet und geh?rt zu den ersten digitalen Biomarkern, die eine frühe und weltweit skalierbare Einsch?tzung des Alzheimerrisikos erlauben?, sagt Lustenberger. Damit solle eine Brücke von der Diagnose zu künftigen Therapien geschlagen werden.

Polanía selbst stammt aus Kolumbien. Trotzdem hatte er noch nie von der aussergew?hnlichen genetischen Kohorte in Medellín geh?rt, als Lustenberger ihm von der Nature-Publikation erz?hlte. Er kontaktierte Francisco Lopera, der bis zu seinem Tod im vergangenen Jahr die Gruppe für Neurowissenschaften an der Universit?t Antioquia in Medellín leitete. Lopera hatte zuvor mit Pharmaunternehmen an klinischen Studien für potenzielle Alzheimermedikamente zusammengearbeitet, die sich als unwirksam herausgestellt hatten.

?Wenige Wochen sp?ter sass ich im Flugzeug, um Francisco unsere Methode für die frühzeitige Alzheimerdiagnose zu pr?sentieren?, erinnert sich Polanía. ?Francisco war überzeugt, dass der Fokus in der Alzheimerforschung st?rker auf der Früherkennung und Pr?vention liegen sollte.? Deshalb habe er ein grosses Potenzial im Ansatz des Spin-offs erkannt. Seit diesem ersten Treffen in Medellín vor fünf Jahren arbeiten Polanía und Lustenberger eng mit der Gruppe für Neurowissenschaften der Universit?t Antioquia zusammen, um die Früherkennungsmethode in der einzigartigen kolumbianischen Kohorte zu testen und weiterzuentwickeln.

Verdreifachung der Alzheimerbetroffenen bis 2050

Alzheimer ist eine fürchterliche Krankheit – und sie geh?rt zu den gr?ssten Herausforderungen für das globale Gesundheitssystem. Weltweit sind über 55 Millionen Menschen von verschiedenen Arten von Demenz betroffen. 60 bis 80 Prozent von ihnen leiden an der Alzheimer-Demenz. Laut einer im Fachjournal externe Seite Lancet publizierten Prognose wird sich die Zahl bis 2050 verdreifachen. Das Tückische an Alzheimer: Wenn Betroffene davon erfahren, sind die Sch?den im Gehirn meist schon stark fortgeschritten und irreversibel.

?Es ist wie bei einem Lawinenunglück: Man sieht den Schaden erst, wenn es zu sp?t ist?, sagt Lustenberger. Dies ist unter anderem der Grund, weshalb bisherige klinische Studien von Pharmaunternehmen zu Alzheimertherapien negativ ausfielen. Zu Beginn der Therapie sind die Sch?den im Gehirn meist bereits zu gross. ?Wir wollen intervenieren, lange bevor die ersten Sch?den sichtbar sind?, so Lustenberger.

Drei Genvarianten, die vor Alzheimer schützen

Was aber erhoffen sich die Forschenden, in dem kleinen Dorf in Kolumbien zu finden, das gegen diese sich weltweit immer weiter ausbreitende Demenzerkrankung helfen k?nnte? Francisco Lopera war stets überzeugt, dass die von Alzheimer betroffene Gemeinde nicht nur die Krankheit, sondern auch die passende Therapie dafür hat. Diese ?berzeugung geht auf die Entdeckung zurück, dass Aliria Piedrahita de Villegas, die wie viele andere in ihrer Gemeinde eine genetische Pr?disposition für Alzheimer hatte, bis ins hohe Alter von einer klinisch manifesten Demenz verschont blieb. Die Frau verstarb im Alter von 77 ohne ausgepr?gte Anzeichen von Alzheimer – für viele ein kleines Wunder.

Lopera wollte der Sache auf den Grund gehen und das Gehirn zu Forschungszwecken obduzieren. Für die streng katholische Familie war dies zun?chst undenkbar. ?Er ging auf die Knie und flehte die Familie im Namen der Alzheimerforschung an, eine Untersuchung zuzulassen?, erz?hlt Polania. ?Francisco war überzeugt, dass ihr Gehirn der Schlüssel für eine m?gliche Therapie ist.?

Tats?chlich identifizierte der Neurowissenschaftler daraufhin gemeinsam mit Forschenden der Universit?t Harvard im Erbgut der Frau und weiterer, vor Alzheimer geschützter Angeh?riger, insgesamt drei Genvarianten, die vor der Erkrankung schützen.

Auf Grundlage dieser Entdeckungen entwickeln Forschende der Universit?t Harvard derzeit Gentherapien, deren protektiver Wirkmechanismus bereits im Tiermodell nachgewiesen wurde. Sie erwarten, dass diese Therapieans?tze bald in ersten klinischen Studien am Menschen geprüft werden k?nnen. ?Unser digitaler Biomarker soll diejenigen Menschen finden, die am st?rksten gef?hrdet sind, damit sie frühzeitig Zugang zu solchen Studien und künftigen Therapien erhalten?, sagt Lustenberger. ?Dann steigt auch das Interesse an einer frühzeitigen Alzheimerdiagnose.? Die wenigsten liessen sich auf eine Krankheit testen, für die es keine Therapie g?be.

Soziale Einbettung von Alzheimer-Betroffenen

Um Forschung, Diagnostik, Therapie und Pflege zusammenzubringen, entwickelten Lustenberger und Polanía gemeinsam mit Forschenden der Universit?t Antioquia das Konzept für die ?Villa Aliria?. ?Die Forschung muss in ein Sozialprogramm für die Betroffenen eingebettet sein?, sagt Polanía. ?Die Folgen einer frühzeitigen Alzheimererkrankung sind dramatisch. Typischerweise haben die Betroffenen noch Kinder im Jugendalter.? In ?rmeren Gemeinden Kolumbiens sei es meist die Familie, die sich um die Betroffenen kümmere. Dafür müssten Ehem?nner und -frauen ihre Jobs aufgeben und Kinder k?nnten nicht mehr zur Schule gehen.

Die Forschungsgruppe in Medellín hat deshalb vor Jahren ein Programm entwickelt: Familienangeh?rige werden für die Betreuung bezahlt und gleichzeitig an der Universit?t zu professionellen Pflegekr?ften ausgebildet. Die Ausbildung soll den Lebensunterhalt der Familien über den Tod der Angeh?rigen hinaus sichern. Für den langfristigen Betrieb solcher Sozialprogramme gründen die Forschenden derzeit eine gemeinnützige Stiftung, in deren Leitung auch Angeh?rige der Familien und weitere Betroffene aus der Gemeinde vertreten sein sollen.

?ber die Stiftung soll der Zugang zu Therapien auch für Menschen mit geringem Einkommen gesichert werden. Zudem übernimmt die Stiftung eine Aufsichtsfunktion und stellt sicher, dass bei der Forschung mit an Alzheimer erkrankten Personen ethische Prinzipien eingehalten werden. Durch die Integration von Betroffenen und Pflegenden in das Gesundheitssystem Kolumbiens soll zudem ein Beitrag zur Entstigmatisierung der Krankheit geleistet werden. ?Wir glauben fest daran, dass das Villa Aliria ein Prototyp für einen ganzheitlichen Umgang mit Alzheimer werden kann?, sagt Lustenberger.

Pflege und Forschung in Stadtn?he

Wo das integrierte Dorf für Forschung und Betreuung von Alzheimerbetroffenen gebaut werden soll, steht bereits fest. Die Universit?t Antioquia stellt dafür 130’000 Quadratmeter Land am Rande Medellíns zur Verfügung. Für die erste Phase mit geplanten Investitionen von zehn Millionen Schweizer Franken suchen Lustenberger und Polanía derzeit Investorinnen und Philanthropen. Gleichzeitig wird in Medellín ein erstes Zentrum für an Alzheimer erkrankte Menschen aufgebaut, eine Art Satellit der Villa Aliria.

Mittelfristig soll das Alzheimerdorf selbsttragend werden und sich durch Beitr?ge von Forschungsgruppen sowie durch Lizenzgebühren für Diagnostik und Therapien finanzieren. ?Wir sind jetzt nahe dran, die Erkenntnisse aus der Alzheimerkohorte in Medellín in ein global skalierbares Modell zu übersetzen?, sagt Lustenberger. ?Damit dieser Plan Realit?t wird, brauchen wir starke Partnerinnen und Partner.? Damit k?nnte den Familien vor Ort Hoffnung geschenkt und der ganzen Welt eine realistische Chance er?ffnet werden, Alzheimer von Anfang an zu verhindern, ist Lustenberger überzeugt.

 

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